Die Bulu, mitunter auch Boulou geschrieben, sind eine von mehreren verwandten ethnischen Gruppen, die in der bewaldeten südlichen Zentralregion Kameruns, im Festlandteil von Äquatorialguinea sowie im Norden Gabuns leben. Zusammen werden diese Gruppen als Fang bezeichnet. Der Begriff „Bulu“ ist dabei nicht eindeutig definiert; er bezeichnet eine der drei großen Untergruppen der Fang. Die Fong wiederum bilden einen Stamm innerhalb der Bulu.
Der Ngui–Geheimbund ist auch als „Gorilla–Gesellschaft“ bekannt, da seine Mitglieder während der Zeremonien Gorillamasken trugen. Ausschließlich die Fong verwendeten hierfür Masken mit einem echten Schädel, da der Gorilla von ihnen als heiliges Tier und als Verkörperung der Feuergottheit verehrt wird. Andere Fang–Gruppen nutzten bei den Zeremonien der Geheimgesellschaft stilisierte Holzmasken, etwa die berühmte weiße Ngil–Maske der Fang: WIKIPEDIA oder LUEBECKER MUSEEN.
Der Ngui–Geheimbund agierte vermutlich bereits seit Jahrhunderten im Verborgenen. Als Hüter von Ordnung und Moral griff er in zentrale Bereiche des sozialen Lebens ein, bestrafte übeltäter und schützte vor Hexerei und bösen Geistern. Mitunter besaßen seine Mitglieder mehr Autorität als mancher Häuptling oder König. Es ist daher nachvollziehbar, dass eine derart einflussreiche Geheimorganisation im Zeichen des „Heiligen Gorillas“ den Kolonialmächten ein Dorn im Auge war und entsprechend konsequent bekämpft wurde. Im Jahr 1910 wurden der Ngui–Geheimbund und seine Traditionen von der französischen Kolonialverwaltung offiziell verboten.
Kurz zuvor, in den Jahren 1907 bis 1909, leitete der deutsche Ethnologe Günther Tessmann im Auftrag des Lübecker Ethnologischen Museums eine Expedition in den Süden Kameruns und nach Äquatorialguinea zur Erforschung der Pangwe (heute Fang). Sein 1913 veröffentlichter Expeditionsbericht gilt als Hauptwerk und stellt eine umfassende Darstellung der Pangwe–Kultur dar. Darin beschrieb er die Ngui–Gesellschaft — zum ersten und zugleich letzten Mal. 1910 versuchte Tessmann erneut, im Regenwald Kameruns Spuren des Gorilla–Geheimbundes zu finden, jedoch ohne Erfolg. Danach verlieren sich die Hinweise auf seine Existenz; der Kult galt fortan als ausgestorben.
Doch das Ausbleiben von Belegen bedeutet nicht zwangsläufig, dass etwas nicht existiert — insbesondere dann nicht, wenn es bewusst geheim gehalten wird. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist die Ngui–Geheimgesellschaft, die ein Jahrhundert später als weiterhin intakter Kult wiederentdeckt wurde.
Der Ethnograph und Fotograf Henning Christoph stieß im Jahr 2008 in den Wäldern Südwestkameruns auf eine dieser Geheimgesellschaften. In seinem Tagebuch notierte er: „Aus ethnologischer Sicht war ich auf eine Sensation gestoßen. Als erster Forscher konnte ich einer seit 100 Jahren totgeglaubten und bislang nicht dokumentierten Zeremonie beiwohnen und sie zudem fotografisch festhalten. Damit konnte ich den einzigen Beleg dafür schaffen, dass diese Geheimgesellschaft existierte — und noch existiert.“
Wie bereits Tessmann beschrieb, greift auch die wiederentdeckte Ngui–Gesellschaft schützend oder — häufiger — strafend in das Leben der Fong ein. Sie gilt als gefürchteter Hüter der Sitten und als Aufseher über das göttliche Gesetz. Ihre wichtigste Aufgabe ist jedoch der Kampf gegen Hexerei und Schadenzauber. Die Rituale finden sowohl im geheimen Kreis der Mitglieder als auch öffentlich statt. Bei öffentlichen Zeremonien bleibt meist unbekannt, wer welche Rolle innehat. Die wiederentdeckte Ngui–Geheimgesellschaft der Bulu–Fong ist nur noch in einer kleinen Region aktiv, die sich über etwa 30 Dörfer erstreckt.